MOUSE MACHINE - Leuchte Berlin, Leuchte

Ton der Töne

City of gold (Mitschnitt GP)

Fishback jubiliert

MOUSE MACHINE – Leuchte Berlin, leuchte!

Theatermusik für das Theater an der Parkaue, Berlin | 2009

Regie: Sascha Bunge
Bühnenbild: Constanze Fischbeck
Kostüme: Katja Schmidt
Dramaturgie: Anne Paffenholz
Fotografie: © Christian Brachwitz

Mit: Stefan Faupel, Katrin Heinrich, Laura Kallenbach, Stefan Kowalski, Franziska Krol, Hagen Löwe, Franziska Ritter

Der überweigende Teil der Musik wurde live gespielt und steht daher nicht zur Verfügung.

Er ist geboren auf dem Parkplatz

Ein Weihnachtsmärchen im Theater an der Parkaue

Erster Advent in Lichtenberg. Vor dem Rathaus werden die Stände eingepackt, als auf der Freilichtbühne vor Glühwein-Zuschauern mit Glitzeraugenkindern zwei Weihnachtsengel noch einmal die Hüfte schwingen: frierende Solariumsblondinen in kurzen Kleidern. „Ausziehen, ausziehen“, fordert ein Kaumhaariger mit dem Kapuzenshirt-Bekenntnis: „Wir bleiben Heiden.“ Ein Sänger verscheucht die Engel mit dem Mikro. Nach all den Weihnachtsliedern stimmt er eine letzte Zugabe an – „das wollt ihr hören!“ – und singt davon, dass er in Berlin an der Autobahn geboren sei.

Gegenüber vom Rathaus, im Theater an der Parkaue, feiert ein nicht weniger besinnliches Weihnachtsmärchen von dem Berliner Dramatiker Lothar Trolle Premiere. Auch hier spielt die Autobahn eine entscheidende Rolle. Auf dem „schmalen Trampelpfad zwischen Begrenzungsstreifen und Leitplanke, in dem Lärm der Fahrzeuge, von denen sie überholt werden bzw. die ihnen auf der Gegenfahrbahn entgegenkommen.“ verlassen ein Mann und eine Frau, Nazaret. Ihr Fahrzeug ist ein Esel. Über Jesreel, Dothan und Tirzan geht es sehr langsam weiter. Als sie aber die Tankstelle Seeberg passieren, die Ausfahrt auf die B158 nehmen, ist klar: Es geht nach Berlin. Es regnet, und der Regen gefriert auf einer Marzahner Fußgängerbrücke. Ihr Weg führt sie über die Landsberger Allee, Siegfriedstraße, Frankfurter Allee – „und da, am Rand des Parkplatzes eine Ecke, in der Platz genug ist, dass der Mann seine Decken am Boden ausbreiten kann“. Es ist Joseph, und der Zimmermann steht seiner Frau Maria bei, die in Wehen liegt. Mit Rettungssirenengeheul und einem Lied, das hinter irgendeinem offenen Fenster gesungen wird, klingt das Märchen aus.

Der Weg der Heiligen Familie klammert ein lässig collagiertes Panorama von Berlin ein. Sascha Bunge hat „Leuchte, Berlin, leuchte!“ auf kleiner Drehbühne mit einem verspiegelten Bungalow (Bühne: Constanze Fischbeck) uraufgeführt, und den Text auf sieben Sprechartisten verteilt. Solche wachen Schauspieler braucht er auch, denn Zeit, Ort und Figuren wechseln permanent. Trolles Stück, eine Bearbeitung seines Hörspiels „Stern über Marzahn“, besteht typischerweise aus einem einzigen Satz, in den alles hineingeschachtelt wird. Es springt von Lichtenberg nach Charlottenburg, von Nazareth nach Jenin; das Heilsgeschehen wird buchstäblich vergegenwärtigt, und die Gegenwart ist ein 2000-jähriger Augenblick. Berlin leuchtet, drei von vier Millionen Einwohnern sind auf der Straße, die Handys funktionieren nicht mehr. Ist das ein Ufo, so groß wie ein Elfgeschosser? Brennt da ein Shopping Center? Oder sind das die Christbäume der Royal Airforce, die den Bomben den Weg zeigten, wie im September 44, als in Lichtenberg nicht nur der Schlachthof brannte? Bei Trolle ist es eine passionierte Nutte, die kenntnisreich die Botschaft der Liebe verkündet. Sehr erbaulich, gehet hin, so Ihr mindestens 16 Jahre alt seid.

Ulrich Seidler, Berliner Zeitung, 01. Dezember 2009