MOUSE MACHINE - Eines langen Tages Reise in die Nacht

 After Hours Reprise

 Die Familien Green und Miller

 Drink up

 Elmstreet

 Fishback (Trinker Remix)

 Mary plays the Piano

 Song One

 The American Century Rede

 The American Century Remix

 The Days

 Under The Sea Remix

 Underfish Overbird

 Wet Dog Wet Carpet Wet Wet Wet

MOUSE MACHINE – Eines langen Tages Reise in die Nacht

Theatermusik für das Theater Konstanz | 2015

Regie: Sascha Bunge
Ausstattung: Angelika Wedde
Dramaturgie: Miriam Denger
Fotografie: © Ilja Mess

Mit: Ingo Biermann, Arlen Konietz, Laura Lippmann, Friderike Pöschel, André Peter Rohde

Großes Theater in Konstanz

Eugene O`Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“

Es ist eine einfache Geschichte nur. Ein krankhaft ehrgeiziger Vater, eine morphiumabhängige Mutter, zwei Söhne, der eine schwindsüchtig, der andere Trinker. Jeder macht jeden für seinen beklagenswerten Zustand verantwortlich, die idyllisch wohlhabende Mittelstandsfassade wird nach außen sorgfältig gepflegt, wobei die meisten der Probleme gerade durch diesen Anpassungsdruck erst entstanden sind. Es fehlt an Selbstkritik, dafür ist Selbstmitleid im Überfluss vorhanden. Ein klassisches Familiendrama, die amerikanische Variante von Strindbergs skandinavischer Düsternis vielleicht. Angesiedelt in den 50er-Jahren, ist das Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ ein allzu deutliches Selbstporträt des US-Dramatikers Eugene O’Neill, wie man heute weiß. Man muss das nicht unbedingt noch spielen.

Falls aber doch, gehört das naturalistisch-öde Familienstück, das so ganz ohne äußere Handlung auskommen muss, gewaltig aufgehübscht. Dem war sich Sascha Bunge durchaus bewusst bei seiner Regiearbeit für das Stadttheater Konstanz. Und er hat es wirklich an nichts fehlen lassen, um diesen O’Neill gefällig auf die Bühne zu bringen. Wenn sich der Vorhang öffnet, ist die Hausangestellte noch beim Staubsaugen. Wir sind offensichtlich zu früh, der Vorhang schließt sich wieder. Erneuter Versuch. Sie saugt immer noch. Vorhang. Und so geht das ein paar Mal, das Publikum ist schon amüsiert. Und das ist gut so, denn was dann kommt, ist nicht zum Lachen. Auch das Bühnenbild (Angelika Werde) schmeichelt mit seiner in Schwarz-Weiß gehaltenen Eleganz dem Auge. Ein riesiges goldgerahmtes Fotoporträt des Familienoberhaupts macht klar, wem dieser Wohlstand zu verdanken ist, die anderen Rahmen sind leer, ebenso die herumstehenden Flaschen. Der Zuschauer wird eingestimmt auf gepflegtes Konversationstheater, in dem die handelnden Personen vorzugsweise ein Whiskyglas in Händen halten.

Fast beiläufig wird die Geschichte der Personen erzählt. Vom erfolgreichen Schauspieler James Tyrone, der sich als Übervater zum Maßstab aller Dinge macht und damit seine Familie überfordert, von James junior, der sich als Versager fühlt und im Alkohol Bestätigung sucht, vom dichterisch-begabten jüngeren Bruder Edmund, der an Tuberkulose erkrankt und von der Mutter, die ihre Karriere als Pianistin aufgab und seit einem ärztlichen Kunstfehler an der Morphium-Nadel hängt. Alles deutet auf ein konventionelles Problemstück hin, aufgelockert durch eine erfrischend vorlaute Hausangestellte und ein paar überraschende Gesangseinlagen des Ensembles. Nun ja.

Aus Rollen werden Charaktere

Doch nach der Pause schwingt sich die befürchtete Routinearbeit zur Höchstform auf. Das gesamte Bühnenbild ist jetzt vom hinteren Bühnenrand ganz nach vorne gerückt zum Zuschauer. Das Publikum ist dieser Schicksalsgemeinschaft plötzlich ganz nah, nimmt Anteil, leidet mit. Aus Rollen werden Charaktere. Und auch Regisseur Sascha Bunge bemüht sich nicht länger um die bloße Befriedigung von Sehgewohnheiten. Jetzt nimmt er sich Zeit, spielt mit der quälenden Tristesse und Ereignislosigkeit im Hause Tyrone. Nur selten ist auf der Bühne ein Delirium grandioser ausgespielt worden als hier mit minutenlangem Stillstand, einem bluesigen Gitarren-Duett, scheppernden Flaschen und einem gelallten Abzählreim. Die Vaterbilder werden entsorgt. Die Atmosphäre ist so dicht, dass sie gut gemeinte Auflockerungen wie das Spiel mit dem Saal-Licht eigentlich gar nicht gebraucht hätten.Aber auch im Umgang mit den Schauspielern erweist sich Sascha Bunge als gründlicher Arbeiter. Alle Rollen sind blendend besetzt, differenziert und sich zu einem wunderbaren Ganzen formend. Ingo Biermann als Vater Tyrone, von der Maske irgendwo zwischen David Niven und Curt Goetz angesiedelt, zelebriert sein Weltbild, schwarz-weiß wie die jetzt raumfüllend hängenden Porträts von ihm. André Rohde gewinnt immer mehr an Profil in der Rolle des Trinkers, während Edmund Arlen Konietz stimmig darzustellen vermag, wie sein lungenkranker Edmund als einziger über den engen Familienhorizont hinaus zu blicken vermag.Stark besetzt, wenn auch äußerst gegensätzlich die beiden Frauenrollen. Friederike Pöschel gibt ganz wunderbar entrückt und nicht von dieser Welt die morphiumsüchtige Mutter, die sich trotz grauer Haare ihre naive Märchenhaftigkeit bewahrt und schließlich Laura Lippmann, die als Hausmädchen Cathleen ganz hervorragend die komödiantische Leichtigkeit des Seins in dieses Trauerhaus trägt. Und so wird in Konstanz aus einem etwas abgenutzt fadenscheinig gewordenen Bühnenstück am Ende doch noch ganz großes Theater. Das Publikum hatte auch nach knapp drei Stunden Spieldauer noch Zeit und Kraft für langanhaltenden Beifall.

Wolfgang Bager, Südkurier, 15. Juni 2015